Der Afrikaner – J.M.G le Clézio

Jean-Marie Gustave Le Clézio ist laut Buchcover einer der bedeutendsten zeitgenössischen französischen Schriftsteller. Er beschreibt in dem Buch seine Erinnerungen an eine Reise nach Afrika im Jahre 1948. Er war damals acht Jahre alt und besuchte gemeinsam mit seiner Mutter und seinem Bruder seinen Vater, der in Kamerun und Nigeria Arzt war. Der Vater hat damals fotografiert und J.M.G le Clézio erzählt auch anhand der Fotos seine Geschichte und die Geschichte seines Vaters. Ich fand den Text einfach gut und sehr ehrlich. 

Hier zwei Zitate aus dem Buch, die mir sehr gefallen haben:

Ich habe mit den Ebenholzfiguren und den Bronzeglöcken gespielt, habe Kaurimuscheln anstelle der üblichen Knöchelchen für geschicklichkeitspiele benutzt. Für mich hatten diese Gegenstände, die geschnitzten Holzfiguren und die Masken an den Wänden nichts exotisches. Sie waren meine afrikanische Seite, sie erweiterten mein Leben und erklärten es in gewisser Weise. Und abgesehen von mir sagten sie etwas über die Zeit aus, die mein Vater und meine Mutter dort in dieser anderen Welt, in der sie glücklich gewesen waren, verbracht hatten. Wie soll ich es sagen? Ich war verwundert, ja empört, als ich sehr viel später entdeckte, daß solche Gegenstände von Menschen gekauft und ausgestellt werden konnten, die all das nicht kennengelernt hatten und für die diese Dinge nichts bedeuteten, schlimmer noch, für die diese Iguren und diese Thronhocker nichts lebendiges waren, sondern eine tote Hülle, die man gern als “Kunst” bezeichnete.

Ich versuche mir vorzustellen, was es für ein achtjähriges Kind bedeutet, das in einer durch den Krieg bedingten Abgeschiedenheit aufgewachsen ist, ans andere Ende der Welt zu reisen, um einen Unbekannten zu treffen, den man ihm als seinen Vater vorstellt. Und das in einem Ort wie Ogoja, umgeben von einer Natur, in der alles übersteigert ist: die Sonne, die Gewitter, der Regen, die Vegetation, die Insekten – ein Land der Freiheit und zugleich der Zwänge. Ein Land in dem die Menschen völlig anders sind, nicht wegen ihrer Haut- oder ihrer Haarfarbe, sondern wegen der Art wie sie sprechen, gehen, lachen, essen. Ein Land, in dem Krankheit und Alter sichtbar sind, die Fröhlichkeit und die Spiele der Kinder noch stärker ins Auge fallen. Ein Land, in dem die Kindheit sehr früh, fast übergangslos zu Ende geht, die Jungen gemeinsam mit ihrem Vater arbeiten, die Mädchen früh heiraten und schon mit dreizehn Kinder zur Welt bringen.

Das Buch der Illusionen – Paul Auster

Ein amerikanischer Professors (David) schreibt in den achtziger Jahren ein Buch über den verschwundenen Stummfilmstar Hector Mann. Dessen Filme gelten als verschollen. David spürt sie auf, schaut sie sich an und schreibt die "Die stumme Welt des Hektor Mann". Jahre nach der Veröffentlichung des Buches erhält er Besuch von Alma. Sie erzählt ihm das Hector lebt und die atemberaubende Geschichte dieses Lebens.

Ich weiß gar nicht so genau, was mich so an diesem Buch fasziniert. Es ist die Art, wie Paul Auster schreibt. Nachdem ich ein paar Seiten gelesen habe, kam ich mir vor, wie ein Teil der Geschichte. Als sehe ich die Ereignisse, rieche den Duft der Umgebung und höre die Geräusche. Auf der anderen Seite sind es die genauen Beobachtungen, die "Kleinigkeiten" die mich ganz schön an das Buch "fesselten".

Ein großer Teil der Story kreist darum, dass Hektor nach seinem Verschwinden Filme dreht, die keiner, außer ihm gesehen hat und die nach seinem Tode verbrannt werden sollen.
Wow … welch ein Ansatz.
Die ganze Welt ist momentan (2009) dabei, sich auf unterschiedlichen Wegen auszutauschen und gemeinsam mit Google und Wikipedia die Daten der Welt zu erfassen, zu kategorisieren und Hektor will sein Werk verbrennen!
An diesem Ziel habe ich eine ganze Weile geknabbert. Was bringt einen Menschen dazu, so etwas zu tun?

Eine Form der Strafe war durch eine andere erstezt worden, und in der wirren, selbstquälerischen Logik seiner Entscheidung hatte Hector seine Schuld weiterhin bei einem Gott abgetragen, an den er nicht glaubte. Die Kugel, die ihm in der Bank in Sandusky die Brust aufriss, hatte es ihm möglich gemacht, Frieda zu heiraten. Der Tod seines Sohnes hatte es ihm möglich gemacht, zum Filmemachen zurückzukehren. Beides jedoch hatte ihn nicht von seiner Verantwortung für die Geschehnisse in der Nacht des 14. Januar 1929 freigesprochen. Weder die körperlichen Schmerzen durch Knox’ Kugel noch die seelischen durch Taddys Tod waren grausam genug, ihn zu erlösen. Mach Filme, ja. Nimm dazu all deine Talente und Kräfte zusammen. Mach sie, als hinge dein Leben davon ab, und wenn dein Leben vorbei ist, sorg dafür, dass sie vernichtet werden. Du darfst nicht die geringste Spur hinterlassen.

Als David aus New Mexico zurück nach Vermont kommt fällt ihm folgendes auf:

Ich war nur drei Tage und zwei Nächte fortgewesen, aber während meine Abwesenheit war alles kleiner geworden: geschrumpft, dunkel, klamm. Das Grün der Wälder um mein Haus kam mir unnatürlich vor, viel zu üppig im Vergleich zum Ocker und Braun der Wüste. Die Luft klebte vor Feuchtigkeit, die Erde war weich unter den Schuhen, und wohin ich mich auch wandte, überall sah ich das wilde Wuchern pflanzlichen Lebens und erschreckenden Verfall: durchnässte Zweige und Rindenstücke, die auf Pfaden moderten, Pilze und Schwämme an den Bäumen, Mehltauflecken an den Mauern des Hauses.

Die beiden Zitate sollen ein wenig Appetit machen auf ein großartiges Buch, das mich ganz schön beschäftigte :-).

Der weiße Tiger – Aravind Adiga

Der Ich Erzähler ohne Namen (er heißt Munna – Hindi für Junge) liest in der Zeitung, das Wen Jiabao, der chinesische Ministerpräsident Bangalore besuchen will, um zu sehen, wie das mit dem indischen Outsorcing Wunder dort so funktioniert. Er schreibt einen langen Brief an Jiabao und erzählt ihm sein Leben.

Er schreibt sehr lebendig und schildert seinen Weg von einem Diener, sein Leben als Fahrer bis zu seinem Start-Up whitetigertechnologydrivers.com.

Das Buch ist einfach klasse. Aravind beschreibt, was ihm passiert und erklärt dabei quasi nebenbei das Land Indien, die “Parlamentarische Demokratie”, die Korruption, wie Bangalore funktioniert, das System der “Hühnerkäfige” in Indien, die Unterschiede zwischen China und Indien, die Gründung seines Start-Ups, Mutter Ganges, “die Finsternis” und vieles andere mehr.

In seinem Leben ist er Diener, Philosoph, Unternehmer und Mörder gewesen. Er wertet nicht, sondern beschreibt Situationen wie die Geldzahlungen seines Herrn an die Regierung, wie es sich anfühlt, Diener eines Herrn zu sein, über die katastropalen Lebensbedingungen für Arme in Indien.

Erst auf den letzten Seiten des Buches ändert sich sein Leben. Ob es ein Happy End ist, bleibt dem Leser überlassen. Zwei kleine Zitate aus dem Buch, die nur einen kleinen Einblick geben, mir aber im Gedächtnis geblieben sind.

Ich habe immer nach einem Schlüssel gesucht aber die Tür stand immer offen!

Ein indische Revolution?
Nein, Sir. Die wird es nicht geben. Die Menschen in diesem Land warten immer noch darauf, das ihre Freiheit von woanders herkommt – aus dem Dschungel, aus den Bergen, aus China, aus Pakistan. Aber das wird nicht passieren. Jeder Mensch muß sein eigenes Benares finden. Das Buch deiner Revolution liegt dir im Magen, junger Inder. Du musst es nur ausscheißen und lesen. Aber stattdessen sitzen sie alle vor ihren Farbfernsehgeräten und schauen Cricket und Shampoowerbung an.

Früher war ich der Fahrer eines Herrn, jetzt bin ich der Herr der Fahrer. Ich behandele sie nicht wie Diener – ich schlage, schikaniere oder verspotte niemanden. Ich beleidige Sie auch nicht, indem ich sie als meine “Familie” bezeichne. Sie sind meine Angestellten, ich bin ihr Chef, das ist alles. Ich lasse sie einen Vertrag unterzeichnen, den ich auch unterzeichne, und wir müssen uns beide daran halten. Das ist alles. Wenn Sie Ihre Arbeit getan haben, schicke ich sie weg: kein Schwätzchen bei einer Tasse Kaffee. Ein weißer Tiger hat keine Freunde. Das ist zu gefährlich.

Ich möchte trotz meiner erstaunlichen Erfolgsgeschichte nicht den Kontakt zu den Orten verlieren, die mich wirklich etwas gelehrt und weitergebracht haben: zur Straße und zum Bürgersteig. Abends oder am frühen Morgen spaziere ich durch Bangalore und lausche nur der Straße.

Mich hat die Story sehr beeindruckt und an unserere gemeinsame Zeit mit Vitalis erinnert. Vitalis war im Jahre 2003 vier Monate Praktikant in unserer Firma und wohnte auch bei uns. Bevor er zu uns kam, wohnte er in einem Vorort von Dar es Salaam, Tanzania. Geboren war er in einem kleinem Dorf am Victoriasee (1.000km von Dar entfernt). Es war sein erster Besuch Europa und als wir das erste Mal gemeinsam in einen Supermarkt gingen, blieb er vor dem Tierfutterregal stehen, nahm die kleinen “Sheba” Packungen in verschiedenen Geschmacksrichtungen in die Hand und fragte mich “You feed dogs and cats?” und nach einer Pause “Why?”. Danach entdeckte er die künstlichen Kauknochen für Hunde … Es waren lehrreiche 4 Monate für uns und ihn. Vitalis traue ich so eine Story auch zu.

Die Vermessung der Welt – Daniel Kehlmann

Als ich am Bahnhof etwas Zeit hatte, ging ich in einen Buchladen und sah dieses Buch. Ich hatte bis dahin noch nichts von Daniel Kehlmann gehört.

Die Idee des Buches faszinierte mich. Herr Carl Friedrich Gauß und Herr Alexander von Humboldt vermessen die Welt. Der eine über die Mathematik und als Angestellter des preußischen Staates, der andere über seine Entdeckungsreisen, Sammlungen und Aufzeichnungen.

Gauß kannte ich, weil ich nahe Braunschweig gewohnt habe. In Braunschweig gibt es einen Gaußberg mit wunderschönen Villen in der Umgebung. In einer davon wurden zwei uralte Autos entdeckt, als ich so um 13 war. Das fand ich toll und ich merkte mir die Adresse. Im Mathematikunterricht hörte ich die Geschichte, wie Gauß als Kind alle Zahlen von 1-100 zusammenrechnete.

Alexander von Humboldt kam in Darwins Aufzeichnungen hin und wieder mal vor und in Berlin habe ich mal in der Humboldt Universität etwas gemacht. Von Humboldts Bruder Wilhelm stammt überigens das Bildungsideal, das an Deutschen Universitäten manchmal so erbittert gegen den Bologna Prozeß verteidigt wird, obwohl das eine das andere nicht ausschließt, meiner Meinung nach.

Egal, Gründe genug das Buch zu kaufen.

Anfangs fand ich den Text ein wenig verwirrend. Kehlmann läßt beide Akteure ganz normal in ihrer Zeit agieren und konstruiert schöne und lustige Geschichten um bekannte Fakten herum. Nach und nach werden die Zusammenhänge allerdings deutlicher und Kehlmann erklärt viele Dinge in vielen Nebensätzen, die ausgesprochen hilfreich sind, um die damalige Zeit und ihre Akteure zu verstehen. Das Buch gefiel mir von Kapitel zu Kapitel immer mehr. Die Darstellung von Gauß fand ich absolut cool! Ich mußte beim Lesen oft laut lachen und immer wieder in mich hineingrinsen.

Nach der Lektüre fragte ich mich, was dieser Daniel Kehlmann für einer ist und stellte dann schnell fest, dass das Buch in über 40 Sprachen übersetzt worden ist und Kehlman mehr oder weniger als Wunderkind gehandelt wird. Nach der Lektüre gehöre auch ich zu seinen Fans (Heute stand ich schon wieder vor einem Buch von ihm – aber ich habs noch nicht gekauft 🙂 )