Orhan Pamuk – Schnee

Orhan Pamuk hat den Literaturnobelpreis im Jahre 2006 bekommen. Das heisst zunächst mal noch nichts, aber meistens ist an Menschen, die diesen Preis bekommen, doch irgendetwas besonderes. Er ist türkischer Schriftsteller und das folgende Zitat hab ich in der Wikipedia gefunden:

„Ich bin in einem Haus aufgewachsen, in dem viele Romane gelesen wurden. Mein Vater hatte eine umfangreiche Bibliothek und erzählte von den großen Schriftstellern wie Thomas Mann, Kafka, Dostojewski oder Tolstoi so, wie andere Väter zu Hause vielleicht von Generälen oder von Heiligen sprachen. Schon als Kind waren für mich all diese Romane und Autoren eins mit dem Begriff Europa.“

Schnee ist ein Roman und spielt in Kars, einer Stadt in Anatolien. Sie liegt im Grenzgebiet der Türkei. Hier wohnen Türken, Kurden, Armenier, Griechen, Russen und andere Bevölkerungsgruppen. Der Dichter Ka (er hat seine Initialen zu seinem Namen gemacht) wohnt in Frankfurt, Deutschland und reist nach Istanbul wegen des Todes seiner Mutter. Dort übernimmt er den Auftrag einer Istanbuler Zeitung nach Kars zu reisen und über die Selbstmorde der “Turbanmädchen” zu berichten, bzw. zu untersuchen, was an dem Phänomen dran ist. Die Mädchen werden aus den Schulen und Universitäten ausgeschlossen, da sie verschleiert sind.

Was dann auf 500 Seiten passiert, ist aufregend, erschreckend, gewalttätig, voller Liebe, religiös, atheistisch und wie meine Sammlung an Worten schon andeutet, niemals langweilig. Orhan erzählt viele einzelne Geschichten von Charaktären, die in der Stadt Kars vorkommen und verwebt alles zu einer atemberaubenden Story. Es gibt viele Dialoge über die Religion, den Staat, Europa, Militärregierungen, Atatürk, und vieles mehr, die sehr hilfreich für einen Außenstehenden wie mich sind um das Verhalten der Menschen in diesem Land ansatzweise zu verstehen.

Hier ein paar Zitate:

Der junge Necip, der bei einem Militätputsch erschossen wird fragt Ka:

Wenn es Allah nicht gibt, dann heißt das, das es kein Paradies gibt. Dann können die Millionen Menschen, die ein Leben in Mangel, Armut und Unterdrückung verbringen, nicht einmal ins Paradies kommen. Was ist dann der Sinn all der Qualen, die die Armen durchmachen? Wozu leben wir dann und durchleiden sinnlos all diese Qualen?
Allah existiert, auch das Paradies gibt es.
Nein, das sagst du zum Trost, weil du mit uns Mitleid hast. nach deiner Rückkehr nach Deutschland wirst du wieder wie früher denken, daß es Allah nicht gibt.

Ka besucht seine Hoheit, den Kurdenscheich Saadettin Efendi, nachdem er gerade Selbstmord begehen wollte (muß man lesen, kriege ich nicht so toll zusammengefasst).

Der Scheich war ein guter Mensch. Er fragte mich, warum ich weinte. Natürlich konnte ich nicht sagen: Ich weine, weil ich unter reaktionäre Scheiche und ihre Jünger geraten bin … Ganz spontan küßte ich die Hand dieses erhabenen Menschen, der mir wie ein Heiliger erschien. Daraufhin tat er etwas, was mich völlig überraschte: Er küßte die meine. In mir breitete sich ein Gefühl der Geborgenheit aus, wie ich es seit Jahren nicht mehr gekannt hatte.

Bei einer Unterhaltung mit Muhtar, dem Kanditaten der später verbotenen Wohlfahrtspartei

Ka hatte von Anfang an gewuß, daß an Gott glauben in der Türkei nicht heißt, daß der einzelne Mensch dem höchsten Gedanken und dem größten Schöpfer begegnet, sondern vor allem, daß er sich einer Gemeinschaft und einer sozialen Umgebung anschließt.
[Ka zu Muhtar]
Du kannst dich der Religion un der Gemeinschaft nur dann überlassen, wenn solche säkularen Gottlosen wie ich die Staats- und Handelsangelegenheiten übernehmen. Man kann sich in diesem Land nicht in aller Seelenruhe dem Gottesdienst überlassen, ohne auf den Fleiß eines Ungläubigen zu vertrauen, der die nicht religiösen Aufgaben, den Handel mit dem Westen und die Politik ordentlich erledigt.
[Muhtar zu Ka]
Aber du bist nicht der Mann für Handel und Politik.

Hande, ein “Turbanmädchen” zu Ka

Ich habe begriffen, das ich mich nicht auf etwas konzentrieren kann, an das ich nicht glaube, zum Beispiel mein Haupt zu entblößen

Orhan

Als ich mir Jahre später … die Videoaufnahmen anschaute … spürte auch ich, wie die Zuschauer die individuellen Spannungen zwischen Vater und Sohn, Machthaber und Schuldigen vergaßen, jedermann in tiefer Stille in Gedanken an seine eigenen angstvollen Erinnerungen und Hoffnungen versank und jenen verzaubernde Wir-Gefühl aufkam, das nur verstehen kann, wer in autoritär regierten, extrem nationalistischen Ländern lebt

Oberst Nuri Colak, der nach dem Militärputsch in Gefängnis kam und nach 6 Monaten wegen einer Amnestie entlassen wurde.

Obwohl man ihm die Folgen drastisch klargemacht hatt, die es nach sich ziehen würde, wenn er von den Ereignissen erzählte, erwähnte er in späteren Jahren an Abenden, an denen man sich mit alten Kameraden im Kasino getroffen und hinreichend getrunken hatte, er habe “wenigstens” gewagt, das zu tun, was der geheime Wunsch jedes kemalistischen Soldaten sei, und beschuldigte, ohne zu weit zu gehen, seine Kameraden, vor den Fundamentalisten Angst zu haben, träge und feige zu sein.

Eine ausführliche Beschreibung des Romans gibt es in der Wikipedia (Schnee (Roman)).

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