E:Publish Kongress 2012 in Berlin

E:Publish KongressAm 15/16. November war ich auf dem E:Publish Kongress in Berlin eingeladen zu einem Podiumsgespräch mit einem Teilnehmer von einem “klassischen” Verlag (Herrmann Riedel, Hanser), einem Teilnehmer von einem eher “modernen” Verlag (Peter Schmid-Meil, GRIN Verlag). Ich war dort in meiner Rolle als Selfpublishing  Autor.

Der Kongress gilt als eher moderne Variante einer Publishing Konferenz und wurde von etwa 300 Teilnehmern besucht.

Gestartet wurde mit drei! Keynotes. Eine von einem dänischen Venture Capital Vertreter (Jimmy Fuzzing Nielsen), der schön zusammenfasste an welchen Stellen, was, wie funktionieren könnte bei einem Investment im Publishing Bereich und wie man denn nun den “Middleman” überflüssig macht. Danach erzählte Allen Noren die Story des Medienhauses O’Reilly. Ich fand beide sehr sympathisch, die Präsentationen waren auf der Höhe der Zeit, die Inhalte waren schlüssig. Der O’Reilly Mann sagte unter anderem

An diesem Punkt wurde mir klar, das diese Zusammenhänge offensichtlich nicht ganz so klar sind, wie ich dachte und die Bestätigung meiner Befürchtung kam dann auch sofort bei der dritten Keynote. Rolf Buch, Vorstandsvorsitzender von Arvato klickte sich durch wirre Slides und ich hatte den Eindruck, dass irgendwas nicht richtig ist.

Am zweiten Tag gab es ebenfalls mehrere Keynotes, die über und aus “den anderen” Medien berichteten (Film, Musik, Games). Besonders gefallen hat mir der Vortrag von Silke Borgstedt, die unter anderem wunderschöne Fotos aus typischen deutschen Wohnungen zeigte und damit sogenannte “Lebenswelten” beschrieb. Beim Betrachten der Bilder wusste ich sofort wie es dort riecht 🙂 (Leider sind die Slides nicht öffentlich zugänglich).

Ich nahm während der zwei Tage an mehreren Table-Sessions (Online-Shops für Buchhändler, iBookAuthor, Monetarisierung von ebook Verkäufen) und Workshops über Change Management und das Publizieren in China teil. Das Podiumsgespräch hat mir sehr viel Spass gemacht. Ich will und kann wenig über das Gespräch sagen, weil ich ja Teilnehmer war und meines Erachten jeder von uns dreien eine Nische bedient (Hanser, GRIN, cocoate).

Manche Sessions hatten eine Twitterwall im Hintergrund. Der erste Tag des Kongresses war eine mehr oder weniger twitterfreie Zone, der zweite Tag aus meiner Sicht auch, verglichen mit dem ersten Tag aber eine gefühlte Verzehnfachung der Tweets (70 statt 7 Tweets über den Tag verteilt). Drei Teilnehmer checkten sich über Foursquare ein. Ich habe oft, auf Nachfrage, Twitter basics erklärt … Vielleicht sollte ich mal ein Buch dazu schreiben 🙂

In vielen Gesprächen lernte ich Menschen dieser Branche kennen,

  • die sich über die Existenz von virtuellen Gütern in Computerspielen wundern, selbst aber Lizenzrechte für Schriften, Übersetzungen oder andere Nutzungsrechte verkaufen (Ein pinkfarbener Minirock für einen Avatar in einem Computerspiel ist auch nur ein Recht).
  • die Bibliotheken bauen
  • die atemberaubende “Was passiert dann Software” bauen, verkaufen, lizensieren, die perfekt die Workflows der Branche abbilden.
  • die Ihren Verlag auch als Mittel der “Volkserziehung” (scheinbar ganz ehrlich und im positiven Sinn) sehen und versichern, dass sie dabei kein Geld verdienen
  • einen Künstler (Evan Roth), der auf sehr unterhaltsame Weise während der Abendveranstaltung das Thema hacking an diversen Beispielen und dem Essay von Eric Raymond (Cathedral and the Bazar ) darstellte
  • und sehr viele, kluge, belesene, ruhige, freundliche, sympathische Menschen.

Meine bisherige (naive) Sichtweise auf Bücher, Verleger, Medien, etc der Vergangenheit war etwa so:

Da schreibt, textet, komponiert, malt, baut irgendjemand etwas, wird dann “zur Kenntnis genommen” oder “entdeckt” und dann wird auf “wundersame” Weise dieses Werk verteilt und verkauft.

Heute sieht es eher so aus:

als Replik auf den kulturpolitischen Auftrag

als simple Erkenntnis.

Vom Veranstalter wurde ich aufgefordert ein paar Worte zum Kongress zu sagen und ich sagte, dass ich mir vorkomme wie in einem Museum und das die Verlage sich überlegen sollten was ihre Kernkompetenzen sind.

Am zweiten Tag sprach ich mit einer Dame vom DTV Verlag. Sie sagte, das sie fast persönlich beleidigt war, als ich beim Podiumsgespräch sagte, ich brauche keinen Verlag.

So, und jetzt sind wir an dem Punkt, warum ich diesen Blogeintrag überhaupt schreibe.

Mein Eindruck über die Kongressteilnehmer ist folgender:

Sie sind

  • bei einem Verlag oder einem Dienstleister angestellt, hin und wieder auch auch einer Buchhandlung.
  • hervorragend ausgebildet (vor jeder Präsentation wurden Highlights in der Ausbildung aufgezählt und ich sah jede Menge Dr. auf den Namensschildern 🙂 )
  • meistens unterbezahlt
  • sehr stolz auf ihre Arbeit.
  • sehr engagiert
  • sehr glücklich in Ihrer Nische

Für mich dagegen ist Publishing keine Industrie mehr … es ist ein Button!

In meinem Bezugsrahmen spielt der grösste Teil der anwesenden Publishing Industrie keine Rolle mehr.

Ich mache zwar alles selbst aber ich nutze natürlich auch Dienstleister. Damit ein Buch entsteht benötige ich “das Internet”, sowie Drupal, Flickr, Apple Pages, Adobe Photoshop/Gimp, diverse Open Source Software Tools, Amazon Kindle und CreateSpace, Apple iBookstore, PayPal, Facebook, Twitter, Google+, Pinterest, unsere eigene Website und jede Menge Feedback der Leser. Vermutlich waren die Funktionen dieser Tools in der Vergangenheit (und natürlich auch heute) “die Verlagsarbeit”. Im Change Management Workshop wurde von digitalen Mitarbeitern gesprochen. Die genannten Tools und vermutlich noch ein paar mehr sind meine digitalen Mitarbeiter.

Der “fast beleidigten” Dame erzählte ich die Geschichte von Yahoo!, die in den neunziger Jahren ihren Linkkatalog manuell erstellten und das Ergebnis als “Qualität” anboten. Google dagegen setzte von Anfang an auf Algorithmen und war dadurch skalierbarer und erfolgreicher. Google hat heute gerade in Deutschland einen Marktanteil irgendwo weit oberhalb von 90%.

Und an der Stelle vielleicht mal zurück zu Eric Raymond!

Hey du deutsche Verlagswelt ….

Du bist eine Kathedrale/Kirche und deine Angestellten arbeiten mehr als anderswo, sind echt gut ausgebildet und erhalten dafür relativ wenig Geld!
Ermögliche und fördere doch mal einen Markt zu deinen Füssen und tue nicht so, als wenn du für die Volkserziehung zuständig wärst.
Und mache es schnell, sonst passieren so Dinge wie hier “Hugh Howey doesn’t need a publisher, thank you very much” (Danke an Thomas Knip für den Link)

Und ich so?

Ich spiele gern mit Open Source Software. Weil ich keinen Internetzugang im Flugzeug auf dem Weg nach Berlin hatte, konnte ich nur lokal arbeiten und habe einen “ebook market place” (ebook store) auf meinem PC gebaut, bei dem Benutzer downloadbare Dateien und ihre PayPal E-Mail Adresse einstellen können. Besucher der Seite können diese hochgeladenen Dateien kaufen und laden. Die Erlöse werden beim Kauf oder per Cron Job (beispielsweise einmal pro Monat) ausgezahlt. Der Betreiber der Plattform bekommt pro Verkauf … hm … na nehmen wir mal 25% … 🙂 Im Hotel habe ich das dann auf den Server geladen … http://droopress.com

Das ist keine Raketentechnik und das Interessante ist nun natürlich … Wie mache ich, dass da jemand etwas kauft ?

  • Habt ihr eine Idee?
  • Lust eure Dateien zu verkaufen?
  • Lust dieses Projekt weiter zu entwickeln?

Schreibt einfach: http://droopress.com/contact

Warum tue ich das?

Frage: “Herr Messmer, warum steigen Sie auf Berge” Antwort: “Weil sie da sind!”

Und – Hat sich der Besuch des Kongresses für mich gelohnt?

Hm … weiss ich noch nicht … zunächst mal hatte ich nur Kosten, aber durchaus nette Gespräche, eine interessante Führung durch Windkanäle in Adlershof und war zum ersten Mal auf dem Fernsehturm am Alexanderplatz. Ansonsten … vielleicht

Nachtrag

Gestern morgen war ich in Berlin, Adlershof bei Kaufland (einer Art Supermarkt/Kaufhaus), die auch eine Buchecke hat.

Krimi & Thriller!

Krimi & Thriller

Kinderbuch mit Geräuschen!

Bilderbuch mit Geräuschen

Kochbuch mit Backförmchen!

Kochbuch mit Förmchen

Lernen & Wissen

Lernen & Wissen

Ich muß mir wahrscheinlich keine Sorgen um die bestehende deutsche Publishing Industrie machen, wenn ich sowas sehe 🙂

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