Legosteine und eine alte Ziegelei

https://www.flickr.com/photos/billward/5819356938/ Bill Ward CC BY 2.0

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Als kleines Kind habe ich die ersten drei Jahre in einem Mehrfamilienhaus gewohnt. Das Haus hatte einen Keller und drei Stockwerke. In jedem Stockwerk waren Wohnungen. Es gab, glaube ich, zwei Eingänge mit jeweils einem Treppenhaus. Über jeden Eingang waren sechs Wohnungen erreichbar, auf jedem Stockwerk immer zwei. Jedes Haus hatte einen Garten mit Wäscheständern. Geheizt und gekocht wurde mit Kohle.
Um unser Haus herum standen viele solcher Häuser. Später bin ich auf dem Weg zur Schule täglich durch das Viertel gegangen und/oder mit dem Fahrrad gefahren.
So sah das von oben aus.

wohnung

Die Wohnungen waren relativ klein und der grosse Traum der Mieter war ein eigenes Haus, mehr Platz, ein elektrischer Herd, eine andere Heizung als Kohle und natürlich ein Auto. Meine Eltern bauten dann Ende der sechziger ein Haus. Nach und kauften sie elektrische “Nachtspeicheröfen”, einen elektrischen Herd und natürlich ein Auto.

Als Einzelkind hatte ich in dem neuen Haus ein eigenes Zimmer mit einer elektrischen Heizung. Neben der Tür war ein Thermostat an der Wand und ich konnte das auf 20 oder 22 Grad stellen und dann war es warm.
Ich verbrachte viel Zeit in meinem Zimmer 🙂

Eingeschult wurde ich in eine damals neu gebaute Schule mit grossen Fenstern, grossen Gängen, grossen Treppenhäusern, grossem Schulhof und einer grossen Aula. Es gab auf dem Schulgelände auch ältere Gebäude wie die Turnhalle und der alte Teil der Schule, der aus Backstein gebaut war. Dieser alte Teil grenzte an Kirche und Pfarrhaus, gelegen  an einem kleinen Bach, und war umgeben von riesengrossen, Schatten spendenden Bäumen.

Die alten Gebäude faszinierten mich schon damals. Sie waren irgendwie schöner, als die neuen. Der Beton der neuen Schule sah nach kurzer Zeit schmutzig aus, die anfangs frischen und kräftigen Farben verblassten schnell.
Die Ziegelsteine der alten Schule waren zwar teilweise schon zerbröselt, hatten aber eine wunderschöne Farbe in der Sonne. Die Treppenstufen der alten Schule waren aus Holz, knarrten bei jedem Schritt und hatten einen Geruch.

Da es in meinem Dorf durch die geburtenstarken Jahrgänge und den Zuzug durch Gastarbeiter immer mehr Kinder gab, wurden schnell Erweiterungsgebäude und auch eine neue Turnhalle gebaut. Die Turnhalle war eine sogenannte Mehrzweckhalle. Man konnte zusätzliche Wände per Knopfdruck einschieben, Turngeräte waren im Fussboden versenkbar angebracht und die Tribünen konnten auch irgendwie umgebaut werden. Um die Halle herum wurden mehrere Sportplätze, und später auch Tennisplätze gebaut.

Manche der Schüler in meiner Klasse wohnten in alten Fachwerkhäusern im alten Teil des Dorfes. Die Wände von Fachwerkhäusern bestehen aus miteinander verbundenen Holzbalken, die Zwischenräume sind mit Lehm oder Ziegelsteinen aufgefüllt. Manchmal wurde nicht die ganze Wand verputzt, sondern man konnte die Holzbalken sehen. Ich beneidete diese Schüler um ihre Kinderzimmer, weil man an den Balken total gut etwas befestigen konnte (Poster, Hängematte, etc). Die Häuser selbst waren meist in Gruppen um einen Platz (Marktplatz, Kirche, Schleuse) gebaut oder lagen an einem Bach. Die meisten waren in schlechtem Zustand, sahen aber trotzdem schön aus.

In der Nähe unseres neuen Hauses stand eine alte, verfallene Ziegelei mit kaputten Fenstern. Auf dem Gelände befanden sich allerlei Kräne und Maschinen, dahinter waren mehrere Teiche. Man konnte auf selbstgebauten Flössen fahren, Stichlinge angeln, auf den Kran klettern und, weil es etwas bergig war, im Winter gut Schlitten fahren. Heute ist auf dem Gelände eine neue Firma, auf Google sieht es aber noch etwa so aus wie vor 40 Jahren.

wald

Ich habe oft mit den Kindern aus der Nachbarschaft auf dem Gelände der alten Ziegelei gespielt. Es war ein schöner Platz, denn es gab immer etwas zu entdecken. Wenn  ich in meinem Zimmer war, habe ich meist mit Legosteinen gespielt und versucht Häuser und Fabrikskelette zu bauen. Zu dieser Zeit gab es nur einfache Legosteine zu kaufen, also achter und sechser und vierer und Abdeckplatten und Glassteine und Ziegel. In den Kartons lagen keine Bauanleitungen bei. Es machte mir sehr viel Spass mit Lego zu bauen. Es war perfekt berechenbar. Rechte Winkel, gerade Wände, 45° Grad geneigte Dächer. Ein Fenster hatte exakte Grössen und passte perfekt. Mit Abdeckplatten konnte ich perfekt gerade Flächen bauen. Das einzige Problem war die verfügbare Menge an Legosteinen, die damals doch recht teuer waren.

Lego war klasse, aber völlig anders als die Ziegelei. In den Gebäuden der Ziegelei gab es Eisenträger, die statische Aufgaben hatten. Manchmal waren sie verrostet und verbogen. Teile der Gebäude waren eingestürzt und es gab viele Gruben und Keller. Überall standen alte Gerätschaften, die ich nicht kannte. Die Ziegelei war irgendwie interessanter als Lego. Sie hatte eine Geschichte. An den Wänden standen manchmal handgeschriebene Worte und Zahlen. Legosteine haben keine wirkliche Geschichte. Man kann das, was man gerne bauen möchte, einfach zusammenstecken.

Wenn ich heute durch ein altes Haus gehe, muss ich immer an meine Legosteine und an die Ziegelei denken. Die Legosteine repräsentieren das Praktische und die Ziegelei das Schräge, Ungerade, Interessante und Unbekannte.

Um das etwas anschaulicher zu machen, hier ein kleines Beispiel von einem Dachboden.
So sah es aus, nachdem wir den ganzen Schutt entfernt hatten.

Attic
Die Grundfläche ist 11 mal 6 Meter, der First ist 4,30 Meter hoch. Wir wollten ein Apartment hier bauen, das ganzjährig vermietet wird.
Nach vielen Überlegungen teilten wir die Fläche ungefähr in der Mitte. Die eine Seite wurde ein grosser Raum mit einer Küche.  Die andere Seite ein Schlafzimmer, ein Bad und ein Flur zum Treppenhaus. In der Mitte haben wir eine Mezzanine eingebaut um Abstellplatz und einen Wärmepuffer zu haben.
Die Wände sind mit Fermacell Platten gebaut, die Decke mit Gipsplatten, der Fussboden mit Holz und alten Fliesen. An den Wänden befindet sich ein Kalk-Gipsputz mit Farbpigmenten .

Wooden floor in the living room #app3

Das obere Foto erinnert mich an meine Abenteuer in der alten Ziegelei.  Man sieht noch das alte Dach und die Holzbalken. Allerdings waren im obigen Haus zwei Balken nicht mehr zu retten und mussten ersetzt werden.

Das untere Foto erinnert mich an meine Legosteine. Die Strukturen stehen, die Küche, Teile des Fussbodens und das “Finish” fehlt noch. Als Mietwohnung musste das Apartment natürlich auch praktisch und hell sein. Mit Fermacell Platten kann man recht einfach klare Strukturen schaffen. Die Wände können gut gedämmt werden, die Versorgungsleitungen verschwinden und drumherum befindet sich immer noch das alte Haus. Wenn es einem nicht mehr gefällt, nimmt man die Wände einfach wieder heraus. Es ist wie bei Lego, klare Winkel, gerade Flächen und jede Menge Flexibilität.
Wie bei Lego muss man aber aufpassen, dass man nicht übertreibt mit der Geradlinigkeit, daher haben wir beschlossen, Teile des Fussbodens mit alten Terracotta Fliesen zu belegen und die alten Türen wieder zu verwenden.

Used tiles in the kitchen #app3
door #app3

Die Wohnung ist durch die freiliegenden Deckenbalken, die alten Fliesen und die alten Türen ein angenehme Mischung aus “Legosteinen und Ziegelei” :).

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