Du musst das machen weil es dein Verwandter ist!

Ich muss das mal aufschreiben, weil es mir in letzter Zeit so oft auffällt.

Der Anlass ist der plötzliche Tod meiner Schwiegermutter. Christine schrieb darüber (Meine Mutter). Ich kannte meine Schwiegermutter mehr als 20 Jahre und sie war mir wichtig. Jetzt bin ich an der Organisation der Beerdigung beteiligt und viele Dinge muessen entschieden werden. Das klappt auch alles gut und ich bin beeindruckt von diesem Teil der Familie.

Nun zum eigentlichen Thema. Jede Familie hat so Ihre eigene Struktur und ihren Weg miteinander umzugehen. In jeder Familie gibt es auch “schwarze” und “weisse” Schafe. Die schwarzen Schafe haben oft einen interessanten Lebensweg zurückgelegt und sind selten ein echtes Problem. Auch gibt es ungeschriebene Familienregeln.

Wenn nun in dem Land in dem die Familie lebt ein Krieg herrschte, eine Mauer gebaut und das Land geteilt wurde, Familienmitglieder aus politischen Gründen überwacht oder verfolgt wurden oder andere überwacht und verfolgt haben, dann werden Familienbeziehungen manchmal echt kompliziert. Manche Verwandten entpuppen sich in solchen Zeiten als, ich will es mal so formulieren, schlechte Menschen.

Wie geht man nun damit um?

  • Bricht man die Beziehung zu den “schlechten Menschen” ab?
  • Lädt man sie zu einer Beerdigung ein? Vielleicht nur zur Beerdigung, nicht aber zum Treffen danach?
  • Versucht man einen Dialog, der in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit vermutlich nicht zu einer Verhaltensänderung führt?

Im konkreten Fall haben wir das lösen können, aber wie gesagt. Ich bemerke immer öfter solche Probleme.

  • Hattet ihr das auch mal?
  • Wie war das bei euch?

4 Replies to “Du musst das machen weil es dein Verwandter ist!”

  1. Ach Hagen, ich bin da inzwischen pragmatisch geworden. Das hat viel mit “Verzeihen können” zu tun – und auch wollen.
    Ich war ja eine zeitlang von meinem Mann getrennt – der eine große Familie hat, ich hingegen bin Einzelkind – und ich hab sehr an dieser Familie gehangen. Von daher hatte ich damals nicht nur meinen Mann, sondern auch meine Familie verloren. Hm… und ich hatte dazumal auch ein paar herbe Enttäuschungen erlebt – z. B. hat mich ein Schwager eben mal zu seinem 50. Geburtstag ausgeladen (obwohl ich vorher eingeladen war) mit den Worten: Die Kinder (+ der Freund meiner Tochter) sind eingeladen – du nicht. Das tat schon weh… – irgendwann haben mein Mann und ich wieder zueinander gefunden und die Familie war auch wieder da. Schwierig für alle Beteilligten. Keiner wusste so richtig, wie man miteinander umgeht. Anfangs bin ich ihm bewusst aus dem Weg gegangen, später hatte ich mir vorgenommen, ihn offen anzusprechen, hab aber nie die passende Situation und die passenden Worte gefunden. Inzwischen sind 4 Jahre vergangen und ich kann ihm auch so wieder in die Augen sehen, auch wenn ich vorsichtig bin. Ob ich ihm verziehen habe? Ich weiß es nicht. Ich hab auf jeden Fall versucht, mich in ihn reinzuversetzen, die “Sache” aus seinem Blickwinkel zu betrachten, nicht nur aus meinem verletzten Blickwinkel. Ihm ist das sicher damals nicht leicht gefallen, mich auszuladen – wir mochten uns schließlich und saßen in der Vergangenheit oft nächtelang mit ner Flasche Rotwein bei uns auf dem Sofa und er hat sich seine Sogen von der Seele geredet – während mein Mann/ sein Bruder auf besagten Sofa eingepennt ist. Von daher war dieser Anruf für ihn sicher nicht leicht – aber irgendwie konnte von denen halt keiner mit der Trennung umgehen und er wird Sorge gehabt haben, dass es eskalieren könnte, wenn mein Mann und ich und ich uns damals begegnet wären. Nicht die feine Art mich auszuladen – kann man sicher vorher drüber reden, wie ich mir das vorstelle, wie er sich das vorstellt. Oder sesiblere Worte wählen. Aber nun gut – es ist wie es ist. Ich hab die Wahl, ewig verletzt zu sein oder ich hab die Wahl wieder auf ihn zuzugehen. Und stattdessen dankbar dafür zu sein, dass mein Mann und ich wieder eine Familie sind. Statt Groll zu hegen und mich in der Vergangenheit zu bewegen, die ich nicht mehr ändern kann.
    Trotzdem hat sich die Gewichtung/ Bedeutung von Familie für mich verschoben. Ich hab da viel drüber nachgedacht – damals z. B. gab es auch ganz viel positive Erlebnisse und Hilfe von Menschen, mit denen ich nie gerechnet hätte – dafür wurde ich von anderen enttäuscht wo ich geglaubt habe, dass sie mir nahe stehen.
    Fazit ist, dass ich versuche, achtsam durch das Leben zu gehen. Dinge nicht für selbstverständlich zu nehmen, die es gar nicht sind. Danke zu sagen, für eine nette Begegnung oder einen schönen Moment, dankbar zu sein für Sonnenstrahlen und ein Lächeln.
    Wie konntet ihr euer “Beerdigunsproblem” lösen?

    1. Zunächst mal danke für den langen Kommentar.
      Ich habe ja schon im Artikel geschrieben, dass wir im konkreten Fall zu einer “okayen” Lösung gekommen sind. Jeder kann kommen, wenn er/sie will.
      Was mich so beschaeftigt hat, sind die vielen Beziehungen “hinter den Kulissen”, die teilweise nur wegen der politischen Verhältnisse so sind wie sie sind und für “dritte” wie mich (oder auch andere Familienangehörige) schwer verständlich sind. Je mehr ich über die damaligen Ereignisse lese, lerne und zuhöre, desto eher kann ich manche Dinge nachvollziehen.

  2. Ich finde, das ist eine gute Lösung, die ihr da gefunden habt. Ich würde auch niemanden verwehren wollen, auf eine Beerdigung zu gehen…
    Und ja – dieses politische Konstrukt bei uns war schon nicht einfach. Ich komme ja auch aus diesem System, habe aber das Glück, dass ich es nur als Kind “erlebt” habe – da sind die Prioritäten ja noch anders gesetzt. Aber als Erwachsener begreift man dann schon, dass die eigenen Eltern ein Problem hatten (die waren kirchlich recht engagiert – entsprechend gab es “Überwachung”, mein Vater durfte nicht mehr alles unterrichten, wurde quasi als Lehrer “strafversetzt”) – wobei innerhalb unserer (kleinen) Familie zum Glück nix in diese Richtung lief. Aber da ist schon viel zerstört wurden in anderen Familien. ich glaube, man kann sowas nur im Ansatz nachvollziehen – wenn man es nicht selber erlebt hat. Und irgendwie ist es ja auch grotesk gewesen, was die alles überwacht haben :-/. Naja – zum Glück vorbei, wobei ich mich manchmal frage, was jetzt so alles überwacht wird…
    Ach ja – nur am Rande: Ich war 89 auf dem Kirchentag in Leipzig zu einem Konzert in einer alten Kohlengrube. Das war damals ein super Zusammenhalt und eine geile Stimmung (Aufbruch) und ZUM GLÜCK friedlich – oben am Rande der Gruppe standen die Kampfgruppen schwer bewaffnet – einmal komplett eingekreist. Wir fanden das damals weder bedrohlich, noch gefährlich – wenn ich da heute zurück denke, läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken (wenn ich dran denke, dass meine Kinder an meiner Stelle wären) – aber mit 19 überreißt man das nicht…

    Alles Gute für euch die nächste Zeit, viel Kraft – besonders für Christine. Kommt gut wieder heim nach Fitou – dort wartet das Meer zum “auftanken”

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