Es wird funktionieren!

Vermutlich fing es im Sand an. Als ich klein war, habe ich sehr gern im Sand gespielt. Nicht in einem für Kinder bestimmten Sandkasten, sondern am liebsten in Sandhaufen, die es damals oft in Neubaugebieten, auf Baustellen oder auf Firmengeländen gab.

Es war wichtig für mich, dass es ein Sandhaufen war, der, am besten noch auf der Erde lag. Dann konnte ich Tunnel und Brücken bauen und testen, wie gut sie halten. Wenn ich den Sand naß gemacht hatte, “backte” er besser und die Oberflächen von “Sandgebäuden” konnte ich mit feuchtem Sand gut “verputzen”. Richtig coole Strukturen waren auch mit Kleckersand, also mit mehr Wasser im Sand möglich. Im Sand waren auch oft Steine, die ich mit verbauen konnte. Ein Tunnel wurde stabiler, wenn Steine mit verbaut wurden. Auch kleine Äste und sogar Blätter machten Bauwerke stabil. Ich habe keine Bilder aus der Zeit, aber ich kann mich gut erinnern.
Ich sehe das heute oft am Strand: setz ein Kind an einen Sandstrand und es wird anfangen zu buddeln.

Beim renovieren und bauen von Häusern muss ich immer an meinen Sandhaufen denken.
Auf neueren Baustellen fuer moderne Häuser liegt kaum noch Sand. Meist wird der Beton schon fertig gemischt in Lastwagen angeliefert und an die richtige Stelle gekippt. Wenn überhaupt Sand vorhanden ist, dann vielleicht Quartz Sand in Tüten für das Verfugen von Wegen.
Viele Teile, die so ein Haus benötigt, werden vorgefertigt geliefert, Fenster und Türstürze beispielsweise. Wasser- und Abwasserrohre, Elektrik und Fussböden werden vorkonfektioniert geliefert, im Innenbereich werden oft nur einfache Gipswände aufgestellt.
Diese Zutaten sind vorausgeplant, so dass “nur” noch eingebaut, verlegt oder angeschlossen werden muss.
Wenn so ein Haus dann fertig ist, ziehen die Menschen dort ein. Nach ein paar Wochen Benutzung fallen vielen Bewohnern Kleinigkeiten auf.
Man hätte gern noch eine Wand hier, dort ein Fenster, eine andere Dusche, eine nicht so schwergängige Tür im Keller, und vieles andere mehr.
Wenn das Haus vielen Eigentümern gehört, setzen die sich regelmäßig  zusammen, diskutieren mögliche Änderungen und beauftragen dann eine Firma.
Mieter ändern in der Regel nichts Wesentliches. Manche wissen gar nicht, dass ihr Haus auch aus viel Sand besteht.

So wie ein jeder mit Sand spielen kann, kann natürlich auch jeder ein Haus bauen. Bauingenieur benutzen heute meist eine Software zur Berechnung von Tragfähigkeiten und Materialstärken, aber es gibt natürlich auch die Erfahrungswerte von Handwerkern. So etwas wie

Nimm einen Holzbalken mit 5 cm Dicke pro überspannte Meter.

Ist der Raum sechs Meter breit, muss der Balken 30 cm mal 30 cm dick sein. Es geht sicherlich auch mit einem 20 cm breiten und 30 cm hohen Balken bei  sechs Meter Länge, aber bei der ersten Variante hat es in der Vergangenheit “immer” gehalten. Nun liegt es an dir, ob du dich daran hältst oder eine neue Variante ausprobierst. Du könntest ja auch einen Stahlträger nehmen, oder, oder.
Es gibt viele solcher Regeln, die sich mit rechten Winkeln, Goldenen Schnitten, den Leitungsquerschnitten von Wasser- und Abwasserrohren, Kabelquerschnitten bei Elektrik und ähnlichem beschäftigen. Das Interessante für mich ist, dass diese Erfahrungen in allen Ländern, in denen ich bisher gebaut habe, gleich oder zumindest recht ähnlich sind. Die gesetzlichen Regulierungen schreiben aber oft etwas anderes vor, mal besser, mal schlechter.

Dieses Gefühl, dass es funktionieren wird, ist mir ungemein wichtig bei ganz vielen Entscheidungen in meinem Leben. Ich muss es nicht hundertprozentig verstehen aber ich will soviel verstehen, dass ich das Gefühl habe, es funktioniert und ich könnte das bauen, weil es in der Vergangenheit auch geklappt hat. Meistens habe ich dann “revolutionäre Ideen” und will es ein “Fitzelchen” anders bauen. Das ist auch ok, aber wichtig fuer mich ist eine Fallback Strategie (Plan B), die in der Vergangenheit funktioniert hat.

Habe ich nicht das Gefühl oder zumindest den festen Glauben daran, dass es klappt, fange ich nicht an zu bauen. Das gilt eigentlich für alles, was ich mache!

Momentan beschäftige ich mich mal wieder Software/Website Entwicklung.

Bei Software/Website Entwicklung ist viel Show dabei und es ist extrem schwer herauszubekommen “ob die Decke hält, wenn die Badewanne mit zwei Leute besetzt ist”.  Oftmals weiss es der Anbieter selbst nicht, gibt das aber nicht zu.

Wie versuche ich diese Situation zu lösen? Ich setze mich dann vor einen PC und bastel eine gewisse Zeit an Prototypen herum, bis ich das Gefühl habe, dass es funktionieren könnte.
Das ist für Aussenstehende oft völlig unverständlich.
Erst wenn ich dieses Gefühl habe, mache ich mir Gedanken, wie man das Projekt kosten- und zeitoptimiert realisieren kann. Ich traue keinerlei Marketingbroschüren oder -versprechen mehr, bevor ich es nicht selbst ausprobiert habe oder mir jemand, dem ich vertraue sagt: “Passt schon”. Dieses Vertrauen zu manchen Menschen hat sich ebenfalls iterativ über das “es könnte funktionieren” Prinzip entwickelt.

Ich halte dieses Prinzip für eine Binsenweisheit, habe aber den Eindruck, dass wenige Menschen, die an solchen Projekten arbeiten, das Gefühl haben:

Es wird funktionieren!

Manchmal ist überhaupt nicht klar, was denn funktionieren soll. Das liegt oft an völlig unklaren Aufgabenstellungen und mangelnder Kommunikation. Erst will der Auftraggeber eine U-Bahnstation bauen, dann verlangt er eine Dachterasse (mit grosser Badewanne 🙂 ). Und im Laufe der Meetings wird klar. “Mist, wir haben den Tunnel vergessen durch den die Züge einfahren. Könnt ihr das eben machen, ist ja nur ein Loch mit Beton drumherum”. Der Lieferant verspricht dann oft Leistungen, die er hofft erbringen zu können, in Wirklichkeit hat er aber nicht den Hauch einer Idee, wie es funktionieren könnte.

Ein recht anschauliches Beispiel ist dieser Chatverlauf (Ich finde den dazu passenden Tweet gerade nicht) eines Pizza Lieferdienstes (Gewissermassen die Kurzbeschreibung für die Funktionsweise vieler StartUps):

Startup Software

Der Chatverlauf ist lustig und vielleicht wird das automatisierte System ja morgen fertig, der Mitarbeiter auf Mindestlohn bekommt dann einen ganz tollen und viel besseren Job und die Systemgastronomie ist wieder ein Stück optimierter. Es ist auch ok, ein paar Tage zu überbrücken.

Nichtsdestotrotz liegt genau hier das Problem. In einer hochkomplexen und optimierten Welt kann der Einzelne nicht mehr verstehen ob und warum etwas funktioniert. Klar, ich kenne viele Buzzwords und die Mechanik, dass Börsenkurse Hoffnungen ausdrücken. Ich höre auch viele Ideen und Methoden.

Allein, es hilft mir oft nicht. Wenn ich etwas beginne, will ich davon überzeugt sein, dass es prinzipiell funktioniert.

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