Wer sagt, dass er die Welt zu einem besseren Platz macht, lügt!

Ich höre oft das Versprechen, dass mit dieser oder jener neuen Technik die Welt zu einem besseren Platz gemacht wird. Vermutlich hat jeder in seinem Leben Situationen, in denen er denkt:

Oh, damit kann ich die Welt zu einem besseren Platz machen!

Bei mir war es das erste Mal im Jahr 1979. Ich hörte gern Musik und war fest davon überzeugt, dass alle Menschen mehr Musik hören sollten. Mit ein paar Kumpels baute ich große, transportable Lautsprecher und wir beschallten Schulfeste, private Parties und zu unseren besten Zeiten auch mal den Supermarkt Parkplatz in der kleinen Stadt in der ich wohnte. Das mit dem Supermarkt war am Samstag morgen um 10 Uhr, weil die Musik ja so geil war (und wir zufällig eine Steckdose entdeckt hatten).

Ich lernte dabei eine Menge, unter anderem:

  • Wie man Lautsprecher baut (Bassreflex und so) und transportiert
  • Wie unterschiedlich Menschen auf Musik reagieren
  • Wie man mit der Polizei diskutiert ohne echten Ärger zu bekommen

Wie bereits im letzten Blogpost (Muss man programmieren können?) erwähnt, bin ich gut im „optimieren“ von Abläufen. Durch den Einsatz irgendeiner Technik ist es oft möglich, Dinge zu beschleunigen, ertragreicher und sicherer zu gestalten oder anderweitig zu „verbessern“.

Auch beim Optimieren lernte ich eine Menge, unter anderem:

  • mehr Komplexität macht Abläufe komplizierter (Keep it simple).
  • Wenn du ein Problem gelöst hast, tauchen zwei andere Probleme auf, an die du nicht wirklich gedacht hast und die jetzt gelöst werden müssen
  • Man kann mit solchen „Verbesserungen“ sehr viel Geld verdienen

Vor mehr als 20 Jahren wurde Open Source Software “erfunden”. Ich dachte wieder, dass dieses Ereignis die Welt nun aber wirklich zu einem besseren Platz machen muss. Ich engagierte mich, redete auf Konferenzen und schrieb sogar Bücher. Einige davon veröffentlichte ich kostenlos, damit jeder etwas lernen konnte (noch heute schreibe ich ein Blog).

Wieder lernte ich sehr viel über

  • programmieren, Communities, Kommunikation, Interaktionen und solche Worte wie Momentum
  • das Schreiben von Texten und dass es einen Unterschied macht, ob man für 10 oder 1.000.000 Leser schreibt
  • Globalisierung
  • Remote arbeiten
  • und tausend andere Dinge

Seit 11 Jahren renoviere ich alte Steinhäuser in Südfrankreich. Ich versuche das auf eine behutsame Art, möglichst ohne Plastik und Beton.

Ich lerne eine Menge über

  • Baumaterialien
  • Handarbeit
  • Symmetrie
  • Mathematik
  • Farben
  • Handelswege und -arten

Eine ganze Weile dachte ich, in meinem Leben, durch meine Arbeit die Welt zu einem besseren Platz zu machen. In keinem dieser Beispiele ist die Welt allerdings zu einem besseren Platz geworden. Manche Menschen mögen was ich tue, manche nicht. Manche Menschen freuten sich über Musik auf dem Parkplatz, manche mochten meine Bücher, manche fühlen sich in den von mir renovierten Häusern wohl. Ganz viele Leute aber sehen das auch ganz anders!

Ich hatte bei all meinen Versuchen meistens eine gute Zeit, 

  • habe viel gelernt,
  • habe viele Leute kennengelernt
  • habe viele Orte auf der Welt gesehen
  • habe (viel) Geld verdient

Die Einheit “viel” ist natürlich relativ und eine sehr persönliche Einschätzung.

Ich kenne “meine” Welt. Die habe ich kontinuierlich in meinem Leben entdeckt und bei Bedarf  „besser“ gemacht. Manchmal mehr, manchmal weniger. Dabei ist mir auch klar geworden, dass es der Welt egal ist, ob ich sie verbessern will.

Glaubst du nicht? Was meinst du?
Wird die Welt besser durch

  • Flüge zum Mars?
  • Produkte der Firma Apple?
  • Finanzprodukte?
  • Open Source Software?
  • Blockchain Technologie?
  • Soziale Medien?
  • [hier kannst du beliebige weitere Technologien einsetzen]

Das Gerede von einer besseren Welt durch eine bestimmte Technik ist Hybris und ich halte es mittlerweile für gefährlich! Es weckt Erwartungen, die nicht erfüllbar sind. Dabei will ich jetzt nicht den resignierten, alten, weissen Mann geben sondern lediglich drauf hinweisen, dass es logisch nicht funktioniert “Die Welt” zu einem besseren Platz zu machen. Die Welt ist so, wie jeder sie sieht. Für den einen gut, für den anderen schlecht. Jeder kann in “seiner” Welt etwas verändern.

Natürlich freue ich mich,

  • wenn ich ein wirklich gutes Produkt benutzen kann (Apple),
  • wenn ich durch irgendein Finanzprodukt Geld verdiene (Sparbuch),
  • wenn ich eine Software kostenlos benutzen und auch noch an der Verbesserung mitarbeiten kann (Open Source),
  • wenn meine Krypto Coins 1000 mal mehr wert sind als vor ein paar Jahren
  • wenn Menschen auf meine Posts auf Twitter, Instagram, Facebook reagieren

Es dabei geht jedoch immer um meine Sicht auf die Welt und wie ich ein Feedback von “dieser Welt” in meine Sicht darauf einbaue.

Die Welt, in der wir leben ist das Ergebnis aller Aktivitäten ihrer Bewohner. Keiner kann über die Welt bestimmen. Die dreht sich weiter und wird alles überleben (solange die Sonne noch da ist). Das ist auch gar nicht schlimm, denn die ständige “Auseinandersetzung” mit der Welt ist doch das Interessante (zumindest für mich 🙂 ).

Ich halte “meine Welt” übrigens für einen guten Platz, den ich ständig zu verbessern versuche.
Und wenn du das mit “deiner Welt” auch tust … wer weiss …  🙂

2 Replies to “Wer sagt, dass er die Welt zu einem besseren Platz macht, lügt!”

  1. Meine sarkastisch-pessimistische Meinung dazu: um die Welt zu einem besseren Platz zu machen, brauchen wir nur die Menschheit abzuschaffen.
    Ein schoenes Wochenende,
    Pit

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