Wie machen sie das bloß – zu leben?

Nachdem ich in der letzten Woche noch am Überlegen war, probiere ich Apple Music nun drei Monate aus. Nach ein bisschen Fummelei mit der Familienfreigabe funktioniert es jetzt und ich bin beeindruckt. Meine Befürchtungen waren unnötig. Die iTunes Match Lieder sind noch da. Ich hatte die letzten Tage leider nicht so viel Zeit, habe aber öfter reingeschaut und nach Musik gesucht, die ich immer mal wieder hören wollte. Mit den Playlisten kann ich nicht soviel anfangen, aber vielleicht entdecke ich das ja noch. Das beste Feature für mich sind die Songtexte! Es macht so einen Spass, Musik zu hören, Texte mitzulesen, auf neue Ideen zu kommen, zur Wikipedia zu wechseln, Dinge nachzulesen und Neue zu entdecken … hach …

7. Juli vormittags
7. Juli vormittags

1982 – 7. Juli vormittags – Heinz Rudolf Kunze

Das Lied ist jetzt immerhin 36 Jahre alt und erscheint mir trotzdem recht aktuell. Westdeutschland war damals im Wandel und vieles wurde in Frage gestellt, ähnlich wie heute. Ich war 18, kurz vor dem Abitur, hatte Null Plan, was ich beruflich mal erreichen will und wovon ich jemals leben könnte. Ich entdeckte seit ein paar Jahren die aufregende europäische Welt per Anhalter. Kunze wuchs in Norddeutschland auf, genau wie ich, und viele seiner Lieder handelten von einer Welt, die ich genauso täglich erlebte. Ich hörte zu und war völlig fasziniert. Er schrieb damals sehr viele Texte. Manche davon waren sehr verschwurbelt und philosophisch. Ich wollte verstehen worum es ihm eigentlich ging und das machte mich noch neugieriger auf diese Welt. Ich glaube, ich habe viel aus manchen seiner Lieder gelernt. Sie haben mich auf Ideen und auch immer wieder zum Lächeln gebracht (Bereits damals wurde mir klar, dass ich nicht immer in Norddeutschland leben werde -> Jedem Land das Wetter, das ihm gebührt 🙂 )

7. Juli vormittags – Heinz Rudolf Kunze

Siebter Juli vormittags.
Eingekreist von Rasenmähern
und dem Keuchen von Kaffeemaschinen
arbeitsloser Junglehrerinnen,
die sich nackt am Küchentisch krümmen und
an ihren Zweierbeziehungen würgen, Kinder-
geschrei in der Ferne,
wie das letzte Signal eines Zuges nach Süden,
kurz bevor er in den Tunnel von Dürrenmatt
eintritt, der Tunnel ohne Ausgang,
der Tunnel direkt zum Erdmittelpunkt.
Die Hausfrauen sehen aus wie Auffahrunfälle,
der Tonfall ihrer Verleumdungen
klingt wie Vollbremsung
mit ein paar Kommas dazwischen.
Oma schneidet der Vorgartenhecke verschmitzt
eine Punker-Frisur.
Jedem Land das Wetter, das ihm gebührt,
wie auf Erden, also auch im Himmel:
Nichts als verpaßte Chancen.
Hier passiert nichts mehr.
Hier ist alles immer geteilter Meinung,
halbe-halbe, einerseits-andererseits,
ausgewogen, weggelogen, geteilte Freude,
doppeltes Leid,
die Leute halten ihr Geschlechtsteil in den Wind
und bitten um Entsaftung,
sie flüchten in ihre privaten Kirchen
und mancher nennt die Tranquilizer noch Oblaten,
keiner ist unersetzlich,
jeder ist ein Superstar,
alle sind von morgens bis abends müde,
kein Wunder,
denn es immer schon zu spät.
Wie machen sie das bloß – zu leben?
Wie schaffen sie das noch?
Ich meine,
 eine Rakete pro Kopf,
die wiegt schließlich einiges,
daß das nicht jeden sofort zu Boden drückt,
erstaunlich.
Wir sind eben doch die Herrenrasse,

ich weiß, diese Meinung ist augenblicklich
noch
nicht
wieder
populär, aber sei’s drum, wir halten was aus,
und bei den Selbstmördern, Aussteigern,
Friedensfetischisten
stimmt sicherlich irgendwo was
mit dem Stammbaum nicht.
Siebter Juli vormittags.
Frühpubertäre Bettnässer
 polieren ihre Motorräder blitzblank,
ganz wie der Vati den BMW.
Im Cassettenrecorder rauscht die Neue Deutsche Welle,
die Ölpest der Tonkunst,
mit ihren Millionen von verklebten, erstickten Ohrmuscheln.
Woran denken diese Kinder nachts?
Wir hatten damals
Mit Schirm, Charme und Melone und vor allem
Emma Peel, und jeder unserer Träume
begann mit dem Geräusch
des Reißverschlusses von ihrem
schwarzen Knautschlack-Kampfanzug…
heute bleibt den hohlwangigen,
glutäugigen Knaben nur die Muppets-Show,
Miss Piggy,
Schweine im Weltraum.
Ich möchte nicht jünger sein als ich bin.
Wenn ich alles noch einmal machen könnte,
würde ich vermutlich gar nichts machen.
Und wenn ich mich jetzt unterm Tisch verstecke
und außerdem absolut still verhalte
ruft bestimmt gleich jemand an
und fragt mich
wie es mir geht.


Ausser solch eher nachdenklichen Texten gibt es aber auch einfach schöne Erinnerungen wie Mr. Blue Sky von 1977.

Sun is shinin’ in the sky
There ain’t a cloud in sight
It’s stopped rainin’ everybody’s in a play
And don’t you know
It’s a beautiful new day, hey hey

Da war ich dreizehn und hatte auf meinem Fahrrad einen batteriebetriebenen Cassettenrecorder. Damit bin dann ins Schwimmbad gefahren, habe mich über den blauen Himmel gefreut und Faxen gemacht 😉

 

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