Zeit zum Lesen

Die Tante Jolesch oder der Untergang des Abendlandes
Die Tante Jolesch oder der Untergang des Abendlandes

Seit dem 27.12.2021, also seit immerhin drei Wochen liege ich auf einem Sofa und in meinem Bett (siehe auch hier). Ich hatte zwischenzeitig mehrere Untersuchungen und die Ärzte sagen, ich habe oder hatte irgendwelche Bakterien, die jetzt so langsam verschwinden. Ich kann aufstehen, rumlaufen und Dinge tun, werde aber schnell müde und bin dann froh mich wieder hinlegen zu können. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich so lange “krank” bin und so viel “Zeit” zum Lesen habe.

Das Foto mit der Tante Jolesch da oben ist schon ein Jahr alt aber ich wollte kein Foto von mir auf dem Sofa da oben haben.

Hier eine Liste der Bücher, die ich in den letzten Tagen gelesen habe mit ein paar Bemerkungen.

Berlin–Moskau. Eine Reise zu Fuß – Wolfgang Büscher – 2003

Das Buch war ein Weihnachtsgeschenk (danke dafür) und ist eine Reisebeschreibung. Ein damals 52-jähriger Journalist (Jahrgang 1951) geht zu Fuß von Berlin nach Moskau. Für diese Reisebeschreibung bekam er viele Preise. Es ist auch eine sehr persönliche Reise. Teile seiner Familie sind im zweiten Weltkrieg gestorben. Die Reise geht daher auch an Plätze wie Katyn.

Berlin – Moskau, Eine Reise zu Fuss

So grundsätzlich finde ich so eine Tour gut. Ich würde das auch gern mal machen. Der Autor ist mir allerdings von der ersten Seite an unsympathisch, wie er mit seinem Panama Hut (!) wandert. Er sieht alles, wirklich alles, aus einer “westlichen Gewinnerposition”, stellt viele Behauptungen auf, beschreibt die zumeist heruntergekommenen Orte und Menschen auf seinem Weg durch Deutschland, Polen, Weißrussland, Russland nach Moskau. In Moskau angekommen, mietet er sich erstmal in Hotels nach westlichem Standard ein und lässt sich von einer schönen Angestellten eines Oligarchenkumpels mit Limousine die Stadt zeigen. Das Buch lässt mich ein wenig ratlos zurück. Vor 20 Jahren waren die Verhältnisse sicher andere, aber der Grundtenor im Buch ist halt, dass in Polen, Weißrussland und Russland wenig funktioniert und wie anstrengend das alles ist. Die westlichen Ideen dagegen sind total super und die meisten Menschen dort imitieren das alles.

https://de.wikipedia.org/wiki/Berlin–Moskau._Eine_Reise_zu_Fuß

Gerechtigkeit – wie wir das Richtige tun – Michael Sandel – 2009

Gerechtigkeit – wie wir das Richtige tun – Michael Sandel

Auch ein Weihnachtsgeschenk (danke 🙏) und hochgelobt in den Rezensionen. Der in den USA sehr erfolgreiche Philosoph Michael Sandler macht einen Streifzug durch die Philosophie aus einer US-Amerikanischen Perspektive. Er ist Professor und das Buch ist das Ergebnis eines sehr erfolgreichen Kurses an der Harvard University. Er beschreibt an vielen Beispielen, wie man „das Richtige“ tut. Anfangs fand ich das noch ganz interessant (Trolley Problem), im Laufe des Buches kamen dann aber immer mehr Beispiele, die aus meiner Sicht völlig kontraproduktiv sind.

Ein Beispiel: Eine Gruppe von Soldaten soll im Krieg in Afghanistan einen Auftrag ausführen, den Feind beobachten und ggfs. töten. Am Einsatzort ist ein Ziegenhirte mit seinen Ziegen. Soll man den Ziegenhirten töten um zu verhindern, dass er den Feind warnt? Der zuständige Soldat (ich weiss jetzt nicht den Dienstgrad) entschied sich dagegen. Der Ziegenhirte verriet dann dem Feind, dass die Soldaten da waren und viele Soldaten wurden getötet. Der Soldat, der die Entscheidung getroffen hat, überlebte.

Es waren mehrere Beispiele wie dieses und ich musste immer wieder an meine staatliche „Gewissensprüfung“ denken (mehr hier). Dort wurden mir auch solche Art Fragen gestellt wie:

  • Ein Mann überfällt dich und deine Freundin und vergewaltigt deine Freundin. Du hast eine Waffe dabei. Erschiesst du ihn?
  • Du bist in einem Supermarkt. Ein Terrorist erschiesst Leute. Du siehst nur seinen Kopf über einem Regal. Da hast eine Waffe dabei. erschiesst du ihn?
  • Feindliche Bomber greifen dein Dorf an und du hast die Chance (mit einer kleinen Rakete) die Flugzeuge abzuschiessen. Tust du das?

Um es mal kurz zu machen. Ich bin und wäre nicht in solchen Situationen. Ich wäre auch nicht in Afghanistan als Soldat. Und gerade Soldaten der USA haben da meines Erachtens auch nichts zu suchen. Und wenn solche konstruierten Situationen mir tatsächlich mal passieren würden, dann hätte ich sicher keine Waffe dabei und würde vermutlich im Affekt reagieren, weil ich völlig überfordert wäre. Es gibt meines Erachtens in solchen Situationen auch kein planbares richtig oder falsch.

Ich bin kein Spezialist für derartige Szenarien, aber wenn mir jemand mit solchen Beispielen kommt reagiere ich mittlerweile sehr allergisch und werde wütend.

Als der Autor im weiteren Verlauf dann Immanuel Kant als wichtigen Begründer des Liberalismus sehr ausführlich beschreibt musste ich auch zucken. Gerade Kant sieht im individuellen Verhalten ja eher die Blaupause für das grosse Ganze inklusive ein paar Einschränkungen der persönlichen Freiheit.

Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“

Kant https://de.wikipedia.org/wiki/Kritik_der_praktischen_Vernunft

Leitziel des Liberalismus ist doch eher die Freiheit des Individuums vornehmlich gegenüber staatlicher Regierungsgewalt – oder?

Das Buch ist aber auch ganz interessant, weil es sehr viele umstrittene Sachverhalte in den USA (Steuerpflicht, Wehrpflicht, Abtreibung, Rassismus, Krankenversicherungen, Wohlfahrtsstaat, etc) schildert, die ich aus meiner europäischen Perspektive nicht so, oder zumindest anders gewichtet, auf dem Schirm habe. So konnte man beispielsweise als reicher Wehrpflichtiger einen Ersatzmann bezahlen, der dann für einen selbst in den Krieg zieht.

Der Autor ist übrigens Vertreter des Kommunitarismus. Hört sich erstmal ganz ok an, ist aber auch „so eine Sache“. Lest mal den Wikipedia Artikel unter dem nächsten Zitat.

Unter Kommunitarismus (lat. communitas ‚Gemeinschaft‘) versteht man eine politische Philosophie, die die Verantwortung des Individuums gegenüber seiner Umgebung und die soziale Rolle der Familie betont. Kommunitarismus entwickelte sich um 1980 als kritische Reaktion auf die Philosophie von John Rawls in den USA. 

https://de.wikipedia.org/wiki/Kommunitarismus

Der Autor meint es sicherlich gut und viele seiner Gedankengänge sind auch sehr erhellend. Das er aber immer wieder in dieses bipolare Denken fällt, mit richtig und falsch, gut und böse, fand ich nicht gut. Es gibt sehr viele Grauwerte dazwischen. Ich glaube, es ist auch so ein wenig das Buch zur Präsidentschaft von Obama (habe ich jetzt aber nicht weiter nachgeforscht).

Neujahr – Juli Zeh – 2018

Nach den Weihmachtsgeschenken durchforstete ich unser Bücherregal und Tine empfahl mir ein paar Bücher von Juli Zeh.

Da gerade Neujahr war, fing ich mit auch mit Neujahr aus dem Jahr 2018 an. Das Buch erzählt im ersten Teil von der alltäglichen Überforderung eines nach aussen wohl glücklichen Familienvaters.

Der zweite Teil beschreibt sein frühkindliches Trauma, das im ersten Teil des Buches oft zu Panikattacken führt.

Der Roman hat mir gut gefallen.

Corpus delicti – Juli Zeh – 2009

Die Methode ist ein Rechtssystem, das die Grundsätze von Demokratie abgelöst hat und zu einer Gesundheitsdiktatur geworden ist, in der die Gesundheit der Bürger oberste Priorität hat. Dieses System beruht direkt auf der Bereitschaft der Menschen, das biologische Leben zu sichern. Durch vielfältige Überwachungsmaßnahmen gilt die Methode als unfehlbar. Jeder Mensch in der Methode sollte sich in körperlicher Bestverfassung befinden. Verstöße werden bestraft.

https://de.wikipedia.org/wiki/Corpus_Delicti_(Roman)

Gerade nach den Erfahrungen mit der Corona Pandemie ist das Buch einfach interessant.

QualityLand 2.0: Kikis Geheimnis – Marc-Uwe Kling – 2020

Nach so viel Zeug zum Denken brauchte ich mal etwas „entspannendes“. Das Buch lag schon seit Oktober 2021 hier, aber ich hatte bisher keine Zeit es zu lesen. Es ist die Fortsetzung von Qualityland und du musst beide Bücher einfach lesen.

QualityLand 2.0: Kikis Geheimnis – Marc-Uwe Kling

Das Buch ist eine satirische Dystopie, die einige bereits heute erkennbare Tendenzen der Digitalisierung weiterspinnt. Thematisch werden unter anderem der Überwachungskapitalismus, die Frage nach dem Unterschied zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz (Turing-Test etc.), die Implikationen der Entstehung einer künstlichen Superintelligenz und moralisch-philosophische Fragestellungen in Zusammenhang mit den Asimovschen Robotergesetzen, dem Trolley-Problem und dem Recht auf Reparatur behandelt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Qualityland

Leere Herzen – Juli Zeh – 2017

Das Buch spielt in Braunschweig. Ich kenne alle Orte an denen es spielt. Ich weiss wie es da riecht und ich habe noch nie ein Buch gelesen, bei dem ich die Umgebung so gut kannte.

Leere Herzen – Juli Zeh

Sie sind desillusioniert und pragmatisch. Sie haben den Zynismus der Politik genauso durchschaut wie den modernen Selbstoptimierungswahn oder das kleinbürgerliche Gutmenschentum. Sie haben sich in der Welt erfolgreich eingerichtet – und sie haben keine Lust, deswegen Schuldgefühle zu haben. 
Zusammen mit dem Informatikgenie Babak Hamwi hat Britta Söldner eine kleine Firma aufgezogen, die beide reich gemacht hat. Was genau hinter der Firma steckt, weiß glücklicherweise niemand so genau. Denn hinter der Fassade ihrer unscheinbaren Büroräume betreiben Britta und Babak ein lukratives Geschäft mit dem Tod. 
Als ihre Firma unliebsame Konkurrenz zu bekommen droht, setzt Britta alles daran, die unbekannten Trittbrettfahrer auszuschalten. Doch sie hat ihre Gegner unterschätzt. Bald ist nicht nur Brittas Firma, sondern auch ihr Leben in Gefahr…
“Leere Herzen” ist ein provokanter, packender und brandaktueller Politthriller aus einem Deutschland der nahen Zukunft. Und es ist zugleich ein verstörender Psychothriller über eine Generation, die im Herzen leer und ohne Glauben und Überzeugungen ist. 

Das Buch ist super, die Story seht gut, manchmal etwas zu sehr verschwurbelt (da geht es mit der Autorin bei der Ausführlichkeit von Beschreibungen ein wenig durch, finde ich 😉), aber trotzdem gut. Das Ende ist auch interessant. Da hätte ich gern mal eine Interpretation von anderer Seite …

Zaïda – Anne Cueno – 2003

Ich wage mich langsam an die dickeren Romane.

Zaïda – Anne Cueno

Zaïda de Vico ist eine außerordentliche Frau. Schön, abenteuerlustig, mutig, selbstbewusst, emanzipiert. 1859 in eine englische Adelsfamilie geboren, verstößt sie schon als junges Mädchen gegen alle Konventionen. Eine frühe Liebesheirat hält sie nicht davon ab, in Zürich Medizin zu studieren und ihren Beruf später in Florenz und Mailand mit großem Engagement auszuüben. Da ist sie bereits mit ihrem zweiten Mann und Vater ihrer zwei Söhne verheiratet. Mit ihrem dritten Mann – wie sie in der Resistenza gegen den Faschismus – flüchtet sie am Vorabend des Zweiten Weltkriegs nach Zürich, wo die beiden sich zu Psychoanalytikern ausbilden lassen, in der Überzeugung, sich damit für eine bessere Welt einzusetzen. Ein pralles Leben lang liebt Zaida, leidenschaftlich und bedingungslos: Ihre Männer, ihre Söhne, ihren Beruf, die Menschen. Am Ende ihres Lebens, über hundert Jahre alt, schreibt sie ihre Geschichte auf. Eine Hymne an das Leben und an die Liebe.

https://de.wikipedia.org/wiki/Anne_Cuneo

Mit Büchern über Familiengeschichten tue ich mich oft schwer. Ich finde die Geschichte dahinter immer so interessant und lese dann mindestens die doppelte Zeit in der Wikipedia über die historischen Hintergründe. Das Buch behandelt die Zeit von etwa 1860-1960. Es ist historisch sehr genau und die Familiengeschichte ist natürlich auch gut 😊


Eine Woche muß ich bestimmt noch liegen… und weiter geht es🥳

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  • hagengraf

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